{"id":74,"date":"2026-05-03T13:49:02","date_gmt":"2026-05-03T13:49:02","guid":{"rendered":"https:\/\/sophia-neises.de\/?page_id=74"},"modified":"2026-07-03T11:17:40","modified_gmt":"2026-07-03T11:17:40","slug":"access-rider","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/sophia-neises.de\/en\/access-rider\/","title":{"rendered":"Access Rider"},"content":{"rendered":"<p><b>Barrierefreiheitsbedarf<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/b><\/p>\n<p><b>Fia\/Sophia Neises<\/b><\/p>\n<p>Dieses Dokument beruht in G\u00e4nze auf Erfahrungen, die ich in meinem Berufsleben gemacht habe. Es wird st\u00e4ndig aktualisiert und erg\u00e4nzt. Es ist nicht f\u00fcr \u00f6ffentliche Zwecke gedacht. Ich bin offen f\u00fcr R\u00fcckfragen und m\u00f6chte, dass das Dokument ernst genommen wird. Dies sind meine individuellen Bed\u00fcrfnisse. Sie stehen nicht repr\u00e4sentativ f\u00fcr andere (seh-)behinderte Menschen.<\/p>\n<p><b>Sehbehinderung<\/b><\/p>\n<p>Ich habe einen Sehrest auf einem Auge. Ich bin stark kurzsichtig und nehme linksseitig Farben, Formen, Hell und Dunkel wahr. Ich nutze teilweise einen wei\u00dfen Taststock. Ob ich meine Hilfsmittel nutze oder nicht, \u00e4ndert sich je nach Wetter, Energielevel, Beleuchtung und Kontrast.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Mein Auge reagiert sehr langsam auf Lichtwechsel. Der Adaptionsprozess an unterschiedliche, besonders k\u00fcnstliche Lichtst\u00e4rken, kostet mich viel Anstrengung und kann Schmerzen verursachen. Daher plane ich ca. alle zwei Stunden in Umgebungen ohne Tageslicht Momente ein, in denen ich meine Augen schlie\u00dfen muss oder ca. zehn Minuten im Tageslicht verbringen kann. Starke Lichtwechsel im Raum m\u00fcssen mir vorher angek\u00fcndigt werden. Dies ist besonders an Lichttechniker*innen zu kommunizieren.<\/p>\n<p><b>Kommunikation<\/b><\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich ist es f\u00fcr mich eine gute Umgebung, wenn mir erstens mit <b>Geduld,<\/b> zweitens mit <b>Normalisierung, <\/b>drittens mit <b>Akzeptanz <\/b>und viertens mit <b>Respekt<\/b> begegnet wird.<\/p>\n<ol>\n<li>Geduld<br \/>\nGeduld brauche ich im Bezug auf meine Zeitlichkeit, aber auch im Bezug auf die Neugier von Menschen, die noch keine Erfahrung mit (seh-)behinderten Menschen haben. Statt also private Fragen zu stellen und nach Best\u00e4tigungen der eigenen Annahmen \u00fcber Blindheit zu suchen, bitte ich darum, sich kennenzulernen. Jegliche Fragen werden sich organisch im Miteinander-Sein ergeben. Auch eignet es sich, sich selbst dar\u00fcber zu informieren, wie blinde Menschen ihren Alltag bew\u00e4ltigen oder ins Theater gehen.<\/li>\n<li>Normalisierung:<br \/>\nH\u00e4ufig werden meine Barrierefreiheitsbedarfe und behinderungsspezifischen Verhaltensweisen als bewundernswert und andersartig markiert. Dies kreiert ein Machtverh\u00e4ltnis, in dem ich auf meine Behinderung reduziert werde. S\u00e4tze wie: \u201eEs ist inspirierend, wie du \u2026 dich im Raum orientierst; Choreografien lernst; deinen Tee aufgie\u00dft etc.\u201c sind daher dringend zu vermeiden. Dies sind allt\u00e4gliche T\u00e4tigkeiten, die bei einer nichtbehinderten Person auch nicht als inspirierend eingestuft werden. Wenn eine Person Bewunderung empfindet, weil sie z. B. meine Art, mich zu orientieren, noch nicht erlebt hat, bespricht sie das nicht mit mir, sondern mit anderen Personen im eigenen Umfeld. Teil von Normalisierung ist auch, jegliche Barrierefreiheitsbedarfe als Gruppenbedarfe einzusch\u00e4tzen (Texte werden grunds\u00e4tzlich vorgelesen, nicht extra f\u00fcr mich).<\/li>\n<li>Akzeptanz:<br \/>\nAkzeptanz brauche ich besonders dann, wenn ich Personen auf m\u00f6gliche Fehltritte hinweise. Sie sind nicht als Vorwurf einzusch\u00e4tzen, sondern als ein auf langer Erfahrung basierender, produktiver Hinweis, der die Zusammenarbeit erm\u00f6glicht.<\/li>\n<li>Respekt:<br \/>\nIn einer Begegnung gilt es, mich und nicht meine sehende Begleitperson anzusprechen. Zudem brauche ich einen respektvollen Umgang mit meiner Art die Welt wahrzunehmen. Das bedeutet zum Beispiel, dass ich auf M\u00f6glichkeiten der Kontaktaufnahme angewiesen bin, die nicht rein visuell sind. Ich erkenne unbekannte Personen eher nur dann wieder, wenn sie mir entweder sehr nah kommen oder sich auditiv bemerkbar machen. Aus rein visueller Kommunikation in einer Gruppe m\u00f6chte ich nicht ausgeschlossen werden. Ich freue mich, wenn sich die Beteiligten bem\u00fchen, diese Ebene zu versprachlichen. Zum Beispiel: \u201eIch zeige hier an meinem Telefon ein Bild meiner letzten Performance. Darauf befindet sich \u2026\u201c<br \/>\nSollten Film- oder Fotoaufnahmen, z. B. mit dem Handy, gemacht werden, bekomme ich das in der Regel nicht mit. Mir muss demnach Bescheid gesagt werden.<\/li>\n<\/ol>\n<p><b>Assistenz<\/b><\/p>\n<p>Ich habe Anspruch auf Arbeitsassistenz f\u00fcr selbstst\u00e4ndige Menschen mit Behinderung. Daf\u00fcr erhalte ich einen finanziellen Zuschuss des Integrationsamtes Berlin. Ich kann 48 Stunden \u00e1 20,50 \u20ac im Monat nach Rechnungsvorlage bezahlen. Darin d\u00fcrfen lediglich Assistenzleistungen, die meine Arbeit betreffen, abgerechnet werden. Darunter fallen Unterst\u00fctzung bei der Orientierung, die visuelle Aufbereitung von Materialien oder dem Vorlesen und Beschreiben. Haushaltsangelegenheiten wie der Gang zum Waschsalon oder Eink\u00e4ufe sind von den Leistungen ausgeschlossen. Auch \u00dcbernachtungen und Reisen darf ich nicht bezahlen.<\/p>\n<p>Wenn ich au\u00dferhalb meines Wohnortes Berlin arbeite, brauche ich daher entweder Unterst\u00fctzung, eine passende Assistenzperson vor Ort zu finden, oder eine Kosten\u00fcbernahme von Reise- und \u00dcbernachtungskosten einer Person, die ich mitbringe.<\/p>\n<p>Sollte die Assistenz im Arbeitsort wohnen und mir noch nicht bekannt sein, brauche ich unbedingtes Mitspracherecht bei der Auswahl der Person. Wichtig dabei ist, dass diese Person nicht st\u00e4ndig wechselt und sensibilisiert ist. Der Hintergrund daf\u00fcr ist, dass es einen gro\u00dfen emotionalen Aufwand und Intimit\u00e4t ben\u00f6tigt, Barrierefreiheitsbedarfe zu vermitteln. Eine Assistenzbeziehung basiert auf Vertrauen, das sich erst mit der Zeit einstellt.<\/p>\n<p><b>Orientierung<\/b><\/p>\n<p>In Geb\u00e4uden f\u00e4llt es mir schwer, Schildern zu folgen. Hier brauche ich alternative Wegbeschreibungen, die auf markante Merkmale wie die Anzahl von T\u00fcren, Farbmarkierungen etc. zur\u00fcckgreifen.<\/p>\n<p>Richtungsangaben wie \u201eda\u201c und \u201edort\u201c sind f\u00fcr mich zu unspezifisch. Hilfreich sind stattdessen pr\u00e4zise Worte wie \u201erechts\u201c und \u201elinks\u201c, Uhrzeitangaben (\u201eauf 2 Uhr\u201c) oder Referenzen zu bekannten Orten wie \u201eam Eingang befindet sich\u2026\u201c.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, mich auch \u00fcber Besonderheiten in einem Raum aufmerksam zu machen. Es ist selbstverst\u00e4ndlich relevant zu wissen, wo sich die sanit\u00e4ren R\u00e4ume befinden, es ist aber auch hilfreich zu erfahren, ob es Getr\u00e4nke oder Snacks gibt, ob Infomaterial ausliegt, ob es alternative Sitzm\u00f6glichkeiten gibt, wo ich nah oder weit entfernt von der Seminarleitung sitze etc.<\/p>\n<p>Ich bin es gewohnt, meine Dinge an einen bestimmten Ort zu legen, um sie dort wiederfinden zu k\u00f6nnen. Sollten meine Gegenst\u00e4nde wie Taststock, Jacke etc. allerdings bewegt werden, muss ich unbedingt dar\u00fcber informiert oder gebeten werden, diese selbst an einen geeigneteren Ort zu verlegen.<\/p>\n<p>Ich muss auch dar\u00fcber informiert werden, ob sich meine gewohnte Umgebung ver\u00e4ndert hat. Dies gilt zum Beispiel, wenn B\u00fchnenteile umgestellt, technisches Equipment aufgebaut oder umger\u00e4umt wird. Da ich mich im B\u00fchnenraum vorzugsweise ohne Taststock bewege, besteht andernfalls eine hohe Verletzungsgefahr.<\/p>\n<p>An einem neuen Ort brauche ich eine gef\u00fchrte Tour zu den f\u00fcr mich relevanten Orten. (Wege zwischen Arbeitsort und Unterkunft, Supermarkt, ggf. Waschsalon, Teek\u00fcchen, Umkleide, Toiletten\u2026) Dabei ist es nicht ausreichend, so schnell wie m\u00f6glich Wege zur\u00fcckzulegen. Ich brauche Zeit, mir Orientierungspunkte wie einen wechselnden Untergrund oder akustische Ver\u00e4nderungen einpr\u00e4gen zu k\u00f6nnen. Ich bin gut zu Fu\u00df und kann mich auf einmal ge\u00fcbten Wegen gut zurechtfinden.<\/p>\n<p>Ich muss am Ankunftsort, Bahnhof\/Flughafen abgeholt und zu meiner Unterkunft\/meinem Arbeitsort gebracht werden.<\/p>\n<p><b>Reisen<\/b><\/p>\n<p>Fl\u00fcge kann ich auf Grund der Barrieren in den meisten Webseiten von Fluggesellschaften nicht eigenst\u00e4ndig buchen. Dies muss in Absprache mit mir \u00fcbernommen werden. Dabei ist es wichtig, dass eine Flughafenassistenz f\u00fcr blinde Personen angefordert wird.<\/p>\n<p>Z\u00fcge der Deutschen Bahn kann ich eigenst\u00e4ndig buchen. Ich verf\u00fcge \u00fcber eine BahnCard 50 und einen Schwerbehindertenausweis, der mich zur Mitnahme einer kostenfreien Begleitperson bef\u00e4higt.<\/p>\n<p><b>Unterkunft<\/b><\/p>\n<p>Sowohl die Recherche als auch die Buchung von Unterk\u00fcnften ist f\u00fcr mich mit vielen Barrieren behaftet. Die entsprechenden Webseiten sind h\u00e4ufig nicht barrierefrei programmiert und basieren weitestgehend auf visuellen Informationen wie Bilder der Unterkunft. Ich brauche dabei Unterst\u00fctzung und detaillierte Absprachen vor der Buchung.<\/p>\n<p>Es ist ausschlaggebend, dass die Unterkunft nicht zu weit vom Veranstaltungsort entfernt ist. Wege in einer neuen Umgebung brauchen recht viel Zeit und Kraftaufwand.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich ist es wichtig, dass ich mich selbstst\u00e4ndig in der Unterkunft bewegen kann. Aus diesem Grund sind Hotels ung\u00fcnstig, da ich dort auf Hilfe z. B. beim Buffet im Fr\u00fchst\u00fccksbereich angewiesen bin. Ich bevorzuge besonders f\u00fcr eine Unterbringung, die l\u00e4nger als 3 Tage dauert, eine Unterkunft mit dem Zugang zu einer K\u00fcche, wie es bei Airbnbs, privaten Unterk\u00fcnften oder Ferienwohnungen der Fall ist. Die eigenst\u00e4ndige Fr\u00fchst\u00fcckszubereitung kommt mir auch wegen meiner Allergie gegen Gluten zu Gute.<\/p>\n<p>Sollte es sich um einen recht kurzen Aufenthalt handeln und eine Hotelunterbringung erscheint sinnvoller, m\u00fcssen Absprachen bez\u00fcglich einer Assistenz bei der Fr\u00fchst\u00fcckssituation getroffen werden.<\/p>\n<p><b>Materialien<\/b><\/p>\n<p>Ich lese \u00fcber meinen Laptop und nutze \u00fcberwiegend Sprachausgaben. Textmaterial, z. B. in einem Workshop, brauche ich daher in digitaler Form. Zus\u00e4tzlich sind Bildbeschreibungen f\u00fcr mich hilfreich.<\/p>\n<p>Um Bewegungsmaterial erfassen zu k\u00f6nnen, brauche ich entweder detaillierte Beschreibungen oder die M\u00f6glichkeit, K\u00f6rperkontakt aufnehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>Sensibilisierung<\/b><\/p>\n<p>Ich gehe von dem sozialen Modell von Behinderung aus. Das bedeutet, dass nicht mir ein Defizit eingeschrieben ist, sondern ich durch eine behindernde Umwelt behindert werde. Demzufolge spreche ich \u00fcber meine Barrieren, beantworte aber keine defizitorientierten Fragen bez\u00fcglich meiner Sehbehinderung und Krankengeschichte. Ich stehe einer ableistischen Sprache kritisch gegen\u00fcber. Das bedeutet, dass ich auf eine diskriminierungsfreie Sprache achte, bei der jegliche Form von Behinderung in keinster Weise als negative Metapher benutzt werden darf (das ist behindert, blinde Flecken, kurzsichtig gedacht\u2026).<\/p>\n<p>Falls es doch zu diskriminierenden Vorf\u00e4llen kommt, ist es wie bei allen marginalisierten Gruppen extrem unangenehm, die einzige anwesende behinderte Person zu sein. Ich bin nicht in jedem Kontext die Advokatin f\u00fcr Barrierefreiheit. Ich muss die M\u00f6glichkeit haben, mich k\u00fcnstlerisch und in meiner Pers\u00f6nlichkeit entfalten zu d\u00fcrfen. Gerne empfehle ich dann andere Behindertenrechtsaktivist*innen, die bezahlt zu Barrierefreiheit von Veranstaltungen beraten.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine sichere Umgebung brauche ich, dass der Barrierefreiheitsbedarf einmal im Vorfeld besprochen wurde und die Person, mit der ich haupts\u00e4chlich interagiere, sensibilisiert ist.<\/p>\n<p>Es ist ausschlie\u00dflich meine Entscheidung, ob und wie \u00fcber den behinderten Anteil meiner Identit\u00e4t gesprochen wird. Bevor ich \u00f6ffentlich als behindert, blind oder sehbehindert bezeichnet werde, muss mit mir R\u00fccksprache gehalten werden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Barrierefreiheitsbedarf\u00a0 Fia\/Sophia Neises Dieses Dokument beruht in G\u00e4nze auf Erfahrungen, die ich in meinem Berufsleben gemacht habe. Es wird st\u00e4ndig aktualisiert und erg\u00e4nzt. Es ist nicht f\u00fcr \u00f6ffentliche Zwecke gedacht. Ich bin offen f\u00fcr R\u00fcckfragen und m\u00f6chte, dass das Dokument ernst genommen wird. 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