Barrierefreiheitsbedarf
Fia/Sophia Neises
Dieses Dokument beruht in Gänze auf Erfahrungen, die ich in meinem Berufsleben gemacht habe. Es wird ständig aktualisiert und ergänzt. Es ist nicht für öffentliche Zwecke gedacht. Ich bin offen für Rückfragen und möchte, dass das Dokument ernst genommen wird. Dies sind meine individuellen Bedürfnisse. Sie stehen nicht repräsentativ für andere (seh-)behinderte Menschen.
Sehbehinderung
Ich habe einen Sehrest auf einem Auge. Ich bin stark kurzsichtig und nehme linksseitig Farben, Formen, Hell und Dunkel wahr. Ich nutze teilweise einen weißen Taststock. Ob ich meine Hilfsmittel nutze oder nicht, ändert sich je nach Wetter, Energielevel, Beleuchtung und Kontrast.
Mein Auge reagiert sehr langsam auf Lichtwechsel. Der Adaptionsprozess an unterschiedliche, besonders künstliche Lichtstärken, kostet mich viel Anstrengung und kann Schmerzen verursachen. Daher plane ich ca. alle zwei Stunden in Umgebungen ohne Tageslicht Momente ein, in denen ich meine Augen schließen muss oder ca. zehn Minuten im Tageslicht verbringen kann. Starke Lichtwechsel im Raum müssen mir vorher angekündigt werden. Dies ist besonders an Lichttechniker*innen zu kommunizieren.
Kommunikation
Grundsätzlich ist es für mich eine gute Umgebung, wenn mir erstens mit Geduld, zweitens mit Normalisierung, drittens mit Akzeptanz und viertens mit Respekt begegnet wird.
- Geduld
Geduld brauche ich im Bezug auf meine Zeitlichkeit, aber auch im Bezug auf die Neugier von Menschen, die noch keine Erfahrung mit (seh-)behinderten Menschen haben. Statt also private Fragen zu stellen und nach Bestätigungen der eigenen Annahmen über Blindheit zu suchen, bitte ich darum, sich kennenzulernen. Jegliche Fragen werden sich organisch im Miteinander-Sein ergeben. Auch eignet es sich, sich selbst darüber zu informieren, wie blinde Menschen ihren Alltag bewältigen oder ins Theater gehen. - Normalisierung:
Häufig werden meine Barrierefreiheitsbedarfe und behinderungsspezifischen Verhaltensweisen als bewundernswert und andersartig markiert. Dies kreiert ein Machtverhältnis, in dem ich auf meine Behinderung reduziert werde. Sätze wie: „Es ist inspirierend, wie du … dich im Raum orientierst; Choreografien lernst; deinen Tee aufgießt etc.“ sind daher dringend zu vermeiden. Dies sind alltägliche Tätigkeiten, die bei einer nichtbehinderten Person auch nicht als inspirierend eingestuft werden. Wenn eine Person Bewunderung empfindet, weil sie z. B. meine Art, mich zu orientieren, noch nicht erlebt hat, bespricht sie das nicht mit mir, sondern mit anderen Personen im eigenen Umfeld. Teil von Normalisierung ist auch, jegliche Barrierefreiheitsbedarfe als Gruppenbedarfe einzuschätzen (Texte werden grundsätzlich vorgelesen, nicht extra für mich). - Akzeptanz:
Akzeptanz brauche ich besonders dann, wenn ich Personen auf mögliche Fehltritte hinweise. Sie sind nicht als Vorwurf einzuschätzen, sondern als ein auf langer Erfahrung basierender, produktiver Hinweis, der die Zusammenarbeit ermöglicht. - Respekt:
In einer Begegnung gilt es, mich und nicht meine sehende Begleitperson anzusprechen. Zudem brauche ich einen respektvollen Umgang mit meiner Art die Welt wahrzunehmen. Das bedeutet zum Beispiel, dass ich auf Möglichkeiten der Kontaktaufnahme angewiesen bin, die nicht rein visuell sind. Ich erkenne unbekannte Personen eher nur dann wieder, wenn sie mir entweder sehr nah kommen oder sich auditiv bemerkbar machen. Aus rein visueller Kommunikation in einer Gruppe möchte ich nicht ausgeschlossen werden. Ich freue mich, wenn sich die Beteiligten bemühen, diese Ebene zu versprachlichen. Zum Beispiel: „Ich zeige hier an meinem Telefon ein Bild meiner letzten Performance. Darauf befindet sich …“
Sollten Film- oder Fotoaufnahmen, z. B. mit dem Handy, gemacht werden, bekomme ich das in der Regel nicht mit. Mir muss demnach Bescheid gesagt werden.
Assistenz
Ich habe Anspruch auf Arbeitsassistenz für selbstständige Menschen mit Behinderung. Dafür erhalte ich einen finanziellen Zuschuss des Integrationsamtes Berlin. Ich kann 48 Stunden á 20,50 € im Monat nach Rechnungsvorlage bezahlen. Darin dürfen lediglich Assistenzleistungen, die meine Arbeit betreffen, abgerechnet werden. Darunter fallen Unterstützung bei der Orientierung, die visuelle Aufbereitung von Materialien oder dem Vorlesen und Beschreiben. Haushaltsangelegenheiten wie der Gang zum Waschsalon oder Einkäufe sind von den Leistungen ausgeschlossen. Auch Übernachtungen und Reisen darf ich nicht bezahlen.
Wenn ich außerhalb meines Wohnortes Berlin arbeite, brauche ich daher entweder Unterstützung, eine passende Assistenzperson vor Ort zu finden, oder eine Kostenübernahme von Reise- und Übernachtungskosten einer Person, die ich mitbringe.
Sollte die Assistenz im Arbeitsort wohnen und mir noch nicht bekannt sein, brauche ich unbedingtes Mitspracherecht bei der Auswahl der Person. Wichtig dabei ist, dass diese Person nicht ständig wechselt und sensibilisiert ist. Der Hintergrund dafür ist, dass es einen großen emotionalen Aufwand und Intimität benötigt, Barrierefreiheitsbedarfe zu vermitteln. Eine Assistenzbeziehung basiert auf Vertrauen, das sich erst mit der Zeit einstellt.
Orientierung
In Gebäuden fällt es mir schwer, Schildern zu folgen. Hier brauche ich alternative Wegbeschreibungen, die auf markante Merkmale wie die Anzahl von Türen, Farbmarkierungen etc. zurückgreifen.
Richtungsangaben wie „da“ und „dort“ sind für mich zu unspezifisch. Hilfreich sind stattdessen präzise Worte wie „rechts“ und „links“, Uhrzeitangaben („auf 2 Uhr“) oder Referenzen zu bekannten Orten wie „am Eingang befindet sich…“.
Es ist wichtig, mich auch über Besonderheiten in einem Raum aufmerksam zu machen. Es ist selbstverständlich relevant zu wissen, wo sich die sanitären Räume befinden, es ist aber auch hilfreich zu erfahren, ob es Getränke oder Snacks gibt, ob Infomaterial ausliegt, ob es alternative Sitzmöglichkeiten gibt, wo ich nah oder weit entfernt von der Seminarleitung sitze etc.
Ich bin es gewohnt, meine Dinge an einen bestimmten Ort zu legen, um sie dort wiederfinden zu können. Sollten meine Gegenstände wie Taststock, Jacke etc. allerdings bewegt werden, muss ich unbedingt darüber informiert oder gebeten werden, diese selbst an einen geeigneteren Ort zu verlegen.
Ich muss auch darüber informiert werden, ob sich meine gewohnte Umgebung verändert hat. Dies gilt zum Beispiel, wenn Bühnenteile umgestellt, technisches Equipment aufgebaut oder umgeräumt wird. Da ich mich im Bühnenraum vorzugsweise ohne Taststock bewege, besteht andernfalls eine hohe Verletzungsgefahr.
An einem neuen Ort brauche ich eine geführte Tour zu den für mich relevanten Orten. (Wege zwischen Arbeitsort und Unterkunft, Supermarkt, ggf. Waschsalon, Teeküchen, Umkleide, Toiletten…) Dabei ist es nicht ausreichend, so schnell wie möglich Wege zurückzulegen. Ich brauche Zeit, mir Orientierungspunkte wie einen wechselnden Untergrund oder akustische Veränderungen einprägen zu können. Ich bin gut zu Fuß und kann mich auf einmal geübten Wegen gut zurechtfinden.
Ich muss am Ankunftsort, Bahnhof/Flughafen abgeholt und zu meiner Unterkunft/meinem Arbeitsort gebracht werden.
Reisen
Flüge kann ich auf Grund der Barrieren in den meisten Webseiten von Fluggesellschaften nicht eigenständig buchen. Dies muss in Absprache mit mir übernommen werden. Dabei ist es wichtig, dass eine Flughafenassistenz für blinde Personen angefordert wird.
Züge der Deutschen Bahn kann ich eigenständig buchen. Ich verfüge über eine BahnCard 50 und einen Schwerbehindertenausweis, der mich zur Mitnahme einer kostenfreien Begleitperson befähigt.
Unterkunft
Sowohl die Recherche als auch die Buchung von Unterkünften ist für mich mit vielen Barrieren behaftet. Die entsprechenden Webseiten sind häufig nicht barrierefrei programmiert und basieren weitestgehend auf visuellen Informationen wie Bilder der Unterkunft. Ich brauche dabei Unterstützung und detaillierte Absprachen vor der Buchung.
Es ist ausschlaggebend, dass die Unterkunft nicht zu weit vom Veranstaltungsort entfernt ist. Wege in einer neuen Umgebung brauchen recht viel Zeit und Kraftaufwand.
Zusätzlich ist es wichtig, dass ich mich selbstständig in der Unterkunft bewegen kann. Aus diesem Grund sind Hotels ungünstig, da ich dort auf Hilfe z. B. beim Buffet im Frühstücksbereich angewiesen bin. Ich bevorzuge besonders für eine Unterbringung, die länger als 3 Tage dauert, eine Unterkunft mit dem Zugang zu einer Küche, wie es bei Airbnbs, privaten Unterkünften oder Ferienwohnungen der Fall ist. Die eigenständige Frühstückszubereitung kommt mir auch wegen meiner Allergie gegen Gluten zu Gute.
Sollte es sich um einen recht kurzen Aufenthalt handeln und eine Hotelunterbringung erscheint sinnvoller, müssen Absprachen bezüglich einer Assistenz bei der Frühstückssituation getroffen werden.
Materialien
Ich lese über meinen Laptop und nutze überwiegend Sprachausgaben. Textmaterial, z. B. in einem Workshop, brauche ich daher in digitaler Form. Zusätzlich sind Bildbeschreibungen für mich hilfreich.
Um Bewegungsmaterial erfassen zu können, brauche ich entweder detaillierte Beschreibungen oder die Möglichkeit, Körperkontakt aufnehmen zu können.
Sensibilisierung
Ich gehe von dem sozialen Modell von Behinderung aus. Das bedeutet, dass nicht mir ein Defizit eingeschrieben ist, sondern ich durch eine behindernde Umwelt behindert werde. Demzufolge spreche ich über meine Barrieren, beantworte aber keine defizitorientierten Fragen bezüglich meiner Sehbehinderung und Krankengeschichte. Ich stehe einer ableistischen Sprache kritisch gegenüber. Das bedeutet, dass ich auf eine diskriminierungsfreie Sprache achte, bei der jegliche Form von Behinderung in keinster Weise als negative Metapher benutzt werden darf (das ist behindert, blinde Flecken, kurzsichtig gedacht…).
Falls es doch zu diskriminierenden Vorfällen kommt, ist es wie bei allen marginalisierten Gruppen extrem unangenehm, die einzige anwesende behinderte Person zu sein. Ich bin nicht in jedem Kontext die Advokatin für Barrierefreiheit. Ich muss die Möglichkeit haben, mich künstlerisch und in meiner Persönlichkeit entfalten zu dürfen. Gerne empfehle ich dann andere Behindertenrechtsaktivist*innen, die bezahlt zu Barrierefreiheit von Veranstaltungen beraten.
Für eine sichere Umgebung brauche ich, dass der Barrierefreiheitsbedarf einmal im Vorfeld besprochen wurde und die Person, mit der ich hauptsächlich interagiere, sensibilisiert ist.
Es ist ausschließlich meine Entscheidung, ob und wie über den behinderten Anteil meiner Identität gesprochen wird. Bevor ich öffentlich als behindert, blind oder sehbehindert bezeichnet werde, muss mit mir Rücksprache gehalten werden.